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Keine Freunde, kein Dating, kein Problem? Viele Influencerinnen inszenieren soziale Isolation als Lifestyle. Doch Fachleute warnen vor den Folgen.
Eine junge Frau im Business Outfit kommt nach Hause, schmust mit ihrem Kater, reinigt ihre High Heels, duscht und macht es sich im Pyjama mit Pizza und Softdrink vor dem Fernseher gemütlich. Danach räumt sie auf, bringt den Müll raus ("In dieser Wohnung herrscht nie Unordnung") und verbringt den Rest des Abends mit ihrem Kater auf dem Sofa.
Der Titel des Videos: "POV: Du lebst allein in New York und hast keine Freunde, deshalb verbringst du Freitag Abend so". Es wurde auf Instagram bereits mehr als 11 Millionen mal angesehen. Dieses Reel ist das bislang erfolgreichste von "Paulina Cee", die mehr als 320.000 Follower auf Instagram hat. Auf ihrem Account finden sich zahlreiche Videos dieser Art, immer mit dem Hinweis, dass sie keine Freunde habe.
Und damit liegt Paulina Cee im Trend: In den Sozialen Medien finden sich etliche junge Frauen, die ihr Alleinsein als Lebensstil präsentieren. Mal haben sie einen Hund, mal ein oder zwei Katzen, ansonsten ähneln sich die Videos in ihrer Ästhetik: Die Wohnungen sind immer auf fast sterile Weise sauber und spärlich möbliert, nichts liegt einfach nur herum, viel Leere überall.
Mit sich und dem Alleinsein im Reinen
Eine der Pionierinnen dieses Trends ist Lana Isa aus Toronto. Ihre Videos tragen Titel wie "Nur eine Introvertierte in ihrem natürlichen Lebensraum (allein zu Haus mit leckerem Essen)" oder "Wie ein Wochenende als Mädchen ohne Freunde und keinem Interesse an Männern oder Dating aussieht".
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Lana Isa beendet ihre Reels stets mit dem positiven Aufruf "enjoy your life", sie scheint mit ihrem offenbar weitestgehend allein geführten Leben im Reinen. Persönliche Kontakte hat sie nur zu Mutter - per Facetime - und Schwester, ansonsten geht es in den Videos vor allem ums Konsumieren: von meist eher ungesunden Lebensmitteln, neuen Klamotten oder Kinofilmen.
Die Kanadierin erklärt, dass sie mit ihrem Content keine andere Absicht verbindet, als ihr echtes Leben zu teilen, das nach ihren Angaben von einer generalisierten Angststörung und dem Verlust ihrer Beziehung und sämtlicher Freundschaften vor einigen Jahren geprägt wurde: "Es sollte nie nur ein 'ästhetischer Vlog' sein oder ein Leben ohne Freunde romantisieren", schreibt sie auf Instagram. "Ich habe einfach angefangen zu filmen und das aktuelle Kapitel meines Lebens zu zeigen, nämlich die Ruhe, die eintrat, nachdem ich meine Gefühle verarbeitet hatte."
Authentizität schwer nachprüfbar
Mareike Ernst ist Assistenzprofessorin für psychoanalytisch orientierte Psychotherapieforschung an der Uni Klagenfurt mit den Schwerpunkten Psychotherapie und Einsamkeit; sie steht den Inhalten solcher Reels zwiegespalten gegenüber.
Einerseits sei es positiv, wenn junge Frauen zeigten, dass Alleinsein - auch in der Öffentlichkeit - gut und normal sei: "Das kann zur Entstigmatisierung (vom Ausgehen ohne Begleitung, Anm. d. Red.) beitragen und ist ein Gegenentwurf zu den Inhalten vieler anderer Influencerinnen, die oft eine fast permanente Geselligkeit zeigen." Andererseits aber könnten junge Menschen, die in einer ähnlichen Lebenssituation sind, sich an diesen "Loneliness Influencern" orientieren, "so dass es dadurch immer mehr normalisiert wird, dass man hauptsächlich alleine ist und man sich deshalb einredet, 'das ist schon gut so'."
Ob diese Loneliness Influencerinnen alle authentisch sind, lässt sich schwer nachprüfen, entscheidend ist jedoch ohnehin, dass viele Follower ihnen glauben und das in den Videos dargestellte Alleinsein positiv kommentieren. Fakt ist jedoch: Soziale Isolation kann auf Dauer krank machen. Studien zufolge erhöht sie das Risiko für Herzkrankheiten, psychische Erkrankungen sowie einer vorzeitigen Sterblichkeit.
Immer mehr junge Menschen sind diesen Risiken ausgesetzt: Im Rahmen einer Studieder Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2025 gaben zwischen 17 und 21 Prozent der befragten 13- bis 29-Jährigen an, sich einsam zu fühlen, wobei die Werte bei Teenagern am höchsten sind. Die WHO schätzt, dass rund ein Viertel der Jugendlichen von sozialer Isolation betroffen ist. Laut einer Nivea-Studie in 13 Ländern weltweit fühlen sich 24 Prozent der jungen Menschen zwischen 16 und 24 Jahren sozial isoliert, über alle Altersstufen hinweg sind es 19 Prozent.
Alleinsein als Ästhetik?
"Loneliness Influencer" sind nahezu ausschließlich Frauen. Mareike Ernst vermutet, dass es mit den Rollenbild-Stereotypen zu tun hat: Von Frauen werde erwartet, dass sie Beziehungen herstellen, für andere da sind. Die Gegenbewegung könne für Frauen Emanzipation bedeuten. "Vielleicht passt es aber auch mehr in eine weibliche Influencer-Ästhetik, wenn es um Selfcare, Kochen, Aufräumen und solche Dinge geht."
Wegen dieser Ästhetik hat sich jüngst ein Mann mit einem Appell an die Influencerinnen gewandt - ebenfalls auf Instagram. Der US-amerikanische Psychotherapeut Phil Lane forderte die jungen Frauen auf: "Hört auf, Einsamkeit als Ästhetik durchsetzen zu wollen, das wird nicht funktionieren. Es ist wichtig, dass wir mit unseren Mitmenschen zusammen sind. Das ist eines unserer grundlegendsten menschlichen Bedürfnisse."
Es sei nichts Falsches daran, etwas Zeit alleine zu verbringen, sagte Lane. "Manchmal genieße ich meine eigene Gesellschaft wirklich sehr und schätze die Einsamkeit, aber wir dürfen das nicht übertreiben, da es erhebliche Gesundheitsrisiken mit sich bringen kann." Mit seiner Botschaft ist Lane noch nicht wirklich durchgedrungen: Sein Post hat bislang rund 900 views.
Autorin Katharina Abel
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